Hämophilie

Hämophilie, auch als Bluterkrankheit bezeichnet, ist eine Blutgerinnungsstörung, bei der ein spezifisches Eiweiß im Blut fehlt oder in einer zu geringen Konzentration vorliegt. Die Gerinnung des Blutes verläuft daher verzögert oder unvollständig ab und es kann bei Verletzungen oder auch ohne spontanen Anlass zu ausgeprägten Blutungen kommen. In der Regel erkranken ausschließlich Männer an Hämophilie A und B.

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Was ist Hämophilie A?

Bei Hämophilie A ist die Blutgerinnung durch ein Fehlen oder eine Reduzierung des
Blutgerinnungsfaktors VIII herabgesetzt. Dieser wird bei gerinnungsgesunden
Menschen sowohl in der Leber als auch im Gefäßendothel hergestellt. In einem fein
aufeinander abgestimmten Gerinnungsablauf ermöglichen aktiviert Faktor VIII und
Faktor IX die Aktivierung von den Faktor X und trägt tragen so dazu bei, Blutungen
zu stoppen.
Ärzte unterscheiden mit Blick auf die Hämophilie A zwei Formen:

  • Hämophilie A- Form: Der Faktor VIII fehlt vollständig. Diese Form kommt am
    häufigsten vor.
  • Hämophilie A+ Form: Der Faktor VIII ist grundsätzlich vorhanden, aber nicht funktionell defekt.

Die Aktivität des Faktor VIII bestimmt darüber, ob es sich um einen milden, mittelschweren oder schweren Verlauf handelt. Je ausgeprägter der Schweregrad, desto zahlreicher die Symptome. Auch die Ausprägung der Beschwerden kann mit steigendem Schweregrad zunehmen.

Unterschiede von Hämophilie A und Hämophilie B

Hämophilie A unterscheidet sich von Hämophilie B durch einen anderen betroffenen Gerinnungsfaktor: bei Hämophilie A ist es der Faktor VIII und bei Hämophilie B der Faktor IX.

Das von-Willebrand-Syndrom ist – ebenso wie die Hämophilie – eine angeborene Blutgerinnungsstörung. Auch hier fehlt es an einem bestimmten Eiweiß, dem von-Willebrand-Faktor (VWF). Im Gegensatz zu Hämophilie A und B sind Frauen und Männer etwa gleich häufig betroffen. Oft fällt die Erkrankung erst im Rahmen von operativen Eingriffen, Sportverletzungen oder Zahnarztbesuchen auf.

Symptome: Wodurch äußert sich Hämophilie?

Die Veränderung bei Hämophilen führt dazu, dass die Gerinnungskaskade nicht wie gewohnt ablaufen kann. Vor allem bei Menschen mit einem schweren Verlauf können Spontanblutungen Gelenke, Muskeln, Haut oder in seltenen Fällen auch die inneren Organe betreffen.

Zu den Symptomen der Hämophilie gehören:

  • ausgeprägte blaue Flecken, insbesondere an Armen und Beinen
  • verstärkte Nachblutungen nach Verletzungen, operativen Eingriffen oder bei
    einem Zahnwechsel
  • vermehrtes Nasenbluten
  • Einblutungen in Muskulatur, Fettgewebe oder Gelenke
  • blutige Beimengungen im Urin
  • Gehirnblutungen nach einem Sturz

Häufigkeit von Hämophilie A in Deutschland

In Deutschland leiden etwa 6 000 bis 10 000 Menschen an einer Hämophilie, von ihnen weisen ca. 3000 einen schweren Verlauf auf. Hämophilie A wird bis zu sechsmal häufiger diagnostiziert als die Hämophilie B.

Hämophilie: Ursachen

Bei einer Hämophilie handelt es sich um eine Erbkrankheit. Eine Veränderung in der genetischen Information für den Gerinnungsfaktor VIII oder IX auf dem X- Chromosom sorgt dafür, dass nachfolgende Generationen ebenfalls unter der Bluterkrankheit leiden können.

Es gibt einen Grund dafür, warum in der Regel nur Männer an einer Hämophilie erkranken: Die Weitergabe der Krankheit geschieht über das X-Chromosom. Das männliche Geschlecht verfügt über ein X- und ein Y-Chromosom.

Kommt es zu einer fehlerhaften Information auf dem X-Chromosom bei einem Mann, liegt automatisch eine Hämophilie vor.

Da Frauen zwei X-Chromosomen haben, kann die fehlerhafte Information häufig durch das zweite X-Chromosom ausgeglichen werden. Frauen mit einer veränderten Erbinformation auf einem X-Chromosom sind Trägerinnen der Hämophilie und können das betroffene X-Chromosom sowohl an ihre Söhne, die dann Hämophilie haben, als auch an ihre Töchter weitergeben. Obwohl sie meist
nicht erkranken, eine erhöhte Blutungsneigung ist möglich, z.B. verstärkte Menstruation oder Blutungen nach Operationen oder Geburten.

Die Söhne eines hämophilen Mannes und einer gerinnungsgesunden Frau sind gesund, da sie vom Vater nur das Y-Chromosom erhalten.

Bei ungefähr einem Drittel aller Hämophilen ist die Veränderung der Erbinformation
neu entstanden (Spontanmutation).

Liegt eine Bluterkrankheit in der Familie vor, ist es in jedem Fall empfehlenswert, die Angehörigen daraufhin zu untersuchen.

Wie stellen Ärzte die Diagnose Hämophilie?

Steht der Verdacht auf eine Hämophilie im Raum, ist es notwendig, zunächst eine genaue Anamnese und körperliche Untersuchung mit Abklärung von Symptomen (z.B. häufige blaue Flecken, Gelenkblutungen) und Familienanamnese durchzuführen. Dabei ist es von Bedeutung, ob bereits ein Familienmitglied von einer Hämophilie betroffen ist.

Im Labor gibt es eine Untersuchung der sogenannten PTT (partielle Thromboplastinzeit). Es handelt sich um ein häufig genutztes Verfahren, um die Funktion des Blutgerinnungssystems zu überprüfen. Bei Hämophilie wird eine Verlängerung der PTT festgestellt, während sich der Quick-Wert sowie die Blutungszeit normal darstellen.

Um die Diagnose abzusichern und zur Unterscheidung von Hämophilie A und Hämophilie B gibt es dann eine Bestimmung der Aktivität der Gerinnungsfaktoren VIII und IX.

Therapie von Hämophilie

Hämophilie ist heute noch nicht heilbar. Die Behandlung richtet sich stets nach der Ausprägung der Erkrankung. Milde Verläufe profitieren von einer Gabe des Wirkstoffs Desmopressin (DDAVP). Er kann verabreicht werden, wenn leichte Blutungen auftreten oder Eingriffe notwendig sind. Im Organismus wird durch die Substanz der gespeicherte Faktor VIII freigegeben, was einen kurzfristigen Anstieg im Blut ermöglicht.

Bei stärker ausgeprägten Formen reicht das jedoch nicht aus. Eine Behandlung kann dann mit speziellen Konzentraten erfolgen, die den fehlenden Gerinnungsfaktor enthalten. Medikamente zum Ersetzen des fehlenden Gerinnungsfaktors werden intravenös verabreicht und können vorbeugend oder im Akutfall helfen, die Blutgerinnung aufrechtzuerhalten. Für Kinder mit schwerer Hämophilie besteht in Deutschland die generelle Empfehlung zur vorbeugenden Dauerbehandlung. Für die vorbeugende Behandlung eines erwachsenen Patienten mit schwerer Hämophilie A sind in einem Jahr ca. 1 200 Plasmaspenden notwendig.

Eine Komplikation der Therapie der Hämophilie A ist die Bildung von Abwehrstoffen (Antikörpern) gegen den Faktor VIII, die zur Abschwächung der Wirkung führen können. Durch Inaktivierung des Faktors kommt es nach wie vor zu Blutungen (Hemmkörperhämophilie). Normalerweise kann bei Hämophilie die Blutung durch Gabe des fehlenden Faktors zumeist gut gestoppt werden. Manche Menschen reagieren mit Abwehrstoffen auf die Gabe der Gerinnungsfaktoren. Bei sog. Hemmkörperhämophilie treten aufgrund des Antikörpers trotz Therapie vermehrt Blutungen auf, die zum Teil schwer zu behandeln sind.

Gerinnungsfaktoren VIII und IX werden in der Regel aus gespendetem Blutplasma gewonnen. Beide Gerinnungsfaktoren lassen sich heute auch mithilfe von Gentechnik herstellen. Für die Versorgung und Behandlung der Hämophilie-Patienten sind Plasmaspender dennoch unverzichtbar.

Mit Blick auf Hämophilie A gibt es aber noch einen anderen Behandlungsansatz. Der Antikörper Emicizumab wird unter die Haut (subkutan) verabreicht und ist in der Lage, den aktivierten Gerinnungsfaktor IX und den Gerinnungsfaktor X zu verbinden, um die Funktion vom fehlenden aktivierten Faktor VIII nachzuahmen.

Um eine gute Versorgung im Notfall sicherstellen zu können, ist es empfehlenswert, einen Notfallpass bei sich zu tragen. Das gilt übrigens auch für eine Trägerin (Konduktorin) der Hämophilie.

Hämophilie A und B sind seltene Erkrankungen, die lebenslang bestehen. Auch wenn heutzutage eine normale Lebensführung möglich ist, ist es ratsam, auf Sportarten und berufliche Tätigkeiten zu verzichten, die mit einem hohen Verletzungsrisiko verbunden sind.

Autor:in dieses Artikels:

Prof. Dr. med. Rainer Moog, Facharzt für Transfusionsmedizin
Leitende ärztliche Person
Expertisen: Hämapherese, Immunhämatolgie und Hämostaseologie